In der BBS II läuft der Unterricht nach Plan

OZ vom 29.1.20212

BILDUNG
Trotz leerer Klassenräume wird in Leer nach Stundenplan gelehrt / Videotechnik macht es möglich

VON NIKOLA NORDING

  LEER - Jan Heselmeyer sitzt allein im Klassenraum. Die Stühle vor ihm sind auf die Tische gestellt, die Tafel ist gewischt. Vor ihm stehen zwei Bildschirme, auf dem Computer und dem Tablet sind viele Gesichter zu sehen. Der Lehrer der Berufsbildenden Schulen II in Leer unterrichtet an diesem Mittwochmorgen. Seine Klasse ist allerdings zu Hause geblieben. Der Unterricht findet komplett digital statt. „Das klappt auch ganz gut“, sagt Heselmeyer. Seine Schüler im Fach Informationsverarbeitung hat er gerade in die Gruppenarbeit geschickt. Sie sollen Diagrammformen ausarbeiten. Sie alle treffen sich in virtuellen Räumen und können zu zweit oder zu dritt arbeiten, wie im Unterricht.
Die BBS II ist seit Sommer Projektschule für das Online-Softwareangebot von Microsoft. Über die Videokonferenz-App „Teams“ können die 2000 Schüler und 140 Lehrer nun arbeiten. Alles datenschutzkonform, betont er. „Der Unterricht findet nach Stundenplan statt“, sagt Schulleiter Torsten Janßen. Das bedeutet, dass der Unterricht wie auch im sogenannten Präsenzunterricht, zu geregelten Zeiten mit einem Lehrer stattfindet. Das passiert nur eben nicht im Klassenraum, sondern vor der Kamera. Möglich ist dies nicht nur durch den Glasfaseranschluss, der kurz vor dem Lockdown an der Schule noch in Betrieb genommen werden konnte, sondern auch durch eine gute digitale Infrastruktur in der Schule. „Wir haben hier allein durch unsere IT-Ausbildungsberufe richtig gute Leute“, sagt Schulleiter Janßen. Sonst sei es gar nicht so möglich. Das zeichne die Schule schon aus.

Laptop und Schulbuch

Einen Raum weiter unterrichtet Lehrer Dirk Kruse gerade Mathematik. Er steht an einer Tafel und schreibt mit Kreide die Gleichungen an die Tafel. Auf dem Pult vor ihm liegt sein Mathebuch. Auf dem Pult wiederum steht ein Stuhl, auf dem er seinen Laptop positioniert hat. Während ihn die Laptopkamera filmt, sieht er seine Schülerinnen und Schüler auf dem Bildschirm. Kruse ist Abteilungsleiter für das Berufliche Gymnasium an der BBS II. Dort gebe es bereits seit vier Jahren die Laptop-Klassen. „Auch während des normalen Präsenzunterrichts haben einige Schüler fast nur noch ihren Laptop dabei“, sagt er. Die meisten Aufgaben seien über die tragbaren Geräte zu erledigen. Am meisten hake es in der Digitalisierung der Lehre derzeit an den Schulbüchern. Bei den Schulbuchverlagen setze der Wandel zum E-Book nur langsam ein, erzählt Kruse.

Seit den Sommerferien wird an der Umstellung gearbeitet, seit Dezember gilt für alle der Distanzunterricht. Für die Lehrer war der digitale Unterricht eine Umstellung. „Wir haben mit den Fortbildungen in den Sommerferien begonnen“, erklärt Torsten Janßen. Dabei haben Lehrer, die sich bereits ins System eingearbeitet hatten, ihre Kollegen geschult. „Mittlerweile findet in den Ausbildungsberufen sogar der Fachpraxisunterricht statt“, erzählt Kruse. So wisse er zum Beispiel aus dem Bereich der Kosmetiker, dass dort mit Schaufensterpuppen vor der Kamera gearbeitet werde.

Mehr Zeit am Morgen

Aber nicht nur die Lehrer mussten sich auf das neue System einstellen, auch für die Schüler ist es eine neue Situation. Die bewerten die Möglichkeiten allerdings durchaus positiv. In der Klasse von Jan Heselmeyer sind die Elftklässler aus ihrer Gruppenarbeit zurückgekehrt. Im virtuellen Klassenverband erklärt Lea Hölsken, dass der Unterricht zu Hause Vor- und Nachteile habe. So müsse man zu Hause morgens nicht so hetzen. Dennoch fehle ihr der persönliche Kontakt zu den Mitschülern und Lehrern. Imke Brürmann ist aufgefallen, dass sie zu Hause besser lernen könne und in gemütlicher Atmosphäre sogar die Aufgaben besser verstehe. Madita Janßen erzählt, dass sie für einen Schultag wegen der langen Busfahrt bereits um halb sechs Uhr morgens aufstehen müsse. „Jetzt reichen zehn Minuten“, sagt sie. Ihre Mitschüler nicken dabei. Technisch ist die Klasse gut ausgestattet. Auch zu Hause gebe es wenig Probleme. „Ich hatte heute Morgen mal wieder 30 Minuten kein Internet, aber das passiert halt mal“, erzählt Henrik Zierant. Schülerinnen und Schüler, die sich die elektronischen Geräte nicht leisten könnten, würden vom Landkreis unterstützt, erzählt Schulleiter Janßen. „Was wir haben, geben wir raus“, sagt er. Die meisten Schüler hätten aber Lösungen gefunden. „Einige haben Laptops, die anderen kriegen das besser auf ihrem Handy hin“, sagt Lehrer Kruse. Obwohl der Distanzunterricht gut läuft, überkommt Schulleiter Janßen beim Gang durch die leeren Korridore ein Gefühl der Beklommenheit. „Normalerweise wäre es hier voll“, erzählt er am Mittwochmorgen um kurz nach halb zehn Uhr. Der Austausch mit den Schülern fehle. Einig sind die Lehrer sich auch: „Präsenzunterricht ist nicht zu ersetzen. Egal, wie gut es auf Distanz läuft“, sagt er. Den direkten Kontakt zwischen Schülern und Lehrern könne eine Kamera nicht ersetzen.

Bild oben :  Mathelehrer Dirk Kruse steht in der BBS II an der Tafel. Seine Schüler sind per Videokonferenz dazugeschaltet.
Bild unten: Die Klasse von Jan Heselmeyer sitzt zu Hause und arbeitet sogar in virtuellen Gruppenräumen an den Aufgaben.

BILDER: ORTGIES 



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