Neustart : Unterricht in Corona-Zeiten

OZ vom 12.5.2020

Pandemie Waschstraße und Rechtsverkehr – die Berufsbildenden Schulen in Leer nehmen Betrieb auf

Leer - Am Montag weht ein unangenehm kalter Wind um die Haupteingänge der Berufsbildenden Schule (BBS) II in Leer. Schülerinnen und Schüler stehen dennoch draußen an selbstgebauten meterlangen Waschbecken. Sie seifen geduldig ihre Hände ein und lassen das kalte Wasser über die geröteten Hände laufen. Die Schulen nehmen schrittweise nach dem Corona-Lockdown wieder ihren Betrieb auf – mit einem Schulalltag, wie man ihn kennt, hat das allerdings wenig zu tun.
Auf den Gängen der BBS I und II tummeln sich sonst Hunderte Schüler. Am Montag sind die Gebäude fast gespenstisch leer. Auf dem Boden der Flure sind Laufwege abgeklebt. Alle gehen auf der rechten Seite, auch an Türen herrscht „Rechtsverkehr“. Die Toiletten werden von Lehrkräften beaufsichtigt. Nur zwei Personen dürfen sie gleichzeitig nutzen, dabei ist jede zweite Kabine dicht.
„Es ist alles ungewohnt“, sagt Schülerin Carmen Janssen. Die 23-Jährige steht kurz vor ihrer Prüfung zur staatlich anerkannten Bautechnikerin. Sie war eine der ersten, die vor zwei Wochen in die Prüfungsvorbereitung mit Präsenzunterricht an der BBS II gestartet sind. Nach Wochen des Homeschoolings ist Janssen dennoch froh, wieder einen Teil des Unterrichts in der Berufsschule zu haben.
Aus technischer Sicht sei das Homeschooling für die Berufsschüler kein Problem gewesen, sagt Schulleiter der BBS II, Torsten Janßen. „Der persönliche Umgang in der Schule ist nicht zu ersetzen.“ So sieht es auch Thorsten Neusinger. Er ist ebenfalls in der Abschlussklasse zum Bautechniker. „Man kann leichter nachhaken, wenn man etwas nicht versteht“, sagt der 31-Jährige. „Aber alle Fragen gehen an den Lehrer.“ So hat es der Frontalunterricht zu einer unfreiwilligen Renaissance geschafft.
Neusingers und Janssens Nachfragen beantwortet Lehrer Ulf Trumf. Allerdings bekommt er bei der Prüfungsvorbereitung nie die komplette Klasse zu Gesicht. Ein rotes Schild an der Tür des Raums F112 weist unübersehbar darauf hin: „Maximal 16 Personen“. „Die Klassen sind halbiert. Eine Woche gibt es Unterricht in der Schule, dann eine zu Hause. Im Wechsel“, so Trumpf.
Bei aller Freude über ein Mindestmaß an Normalität beim Lernen – wie sieht es mit der Angst vor Ansteckung aus? Die Schüler, die am Montagvormittag durch die Flure gehen, wirken dabei nicht verunsichert. Den Eindruck bestätigt Schülerin Carmen Janssen. Sie sagt: „Ich mache mir kaum Sorgen wegen einer Ansteckung. Ich fühle mich hier gut aufgehoben.“ Es beruhige sie, dass sich alle an die Vorschriften hielten.
Eine Sache bleibe aber im Hinterkopf: „Man denkt an Angehörige, die zur Risikogruppe gehören. Die will man natürlich keiner Gefahr aussetzen.“ Schüler und Lehrkräfte, die selbst zu einer Risikogruppe gehören oder mit ihnen zusammenleben, können weiter im Homeschooling bleiben.
„Alle ziehen an einem Strang“, unterstreicht auch Gerold Lienemann, Schulleiter der BBS I. Man freue sich nicht, Probleme lösen zu müssen, aber man sei motiviert, es zu schaffen. Die Leitlinie sei, so habe es das Kultusministerium mitgeteilt, so viel Rahmen wie nötig, so viel eigene pragmatische Lösungen vor Ort wie möglich.
Neue Waschbecken, festgelegte Laufwege für Schüler, Schilder an jeder Tür. Die Berufsbildenden Schulen in Leer finden die geforderten pragmatischen Lösungen. „Wir möchten allen Schülern ihre Abschlussprüfungen ermöglichen“, sind sich die Schulleiter einig. Sollte eine Prüfung bei einem eventuellen Coronafall platzen, werde es andere Möglichkeiten geben. Nur eines werde nicht möglich sein: gebührende Abschlussfeiern. Und Nachholen könne man diesen Moment nicht, so schade es auch sei, sagt Schulleiter Janßen. „So ist es eben“, sagt Berufsschüler Thorsten Neusinger passend pragmatisch.
Bild oben : Damit vor den Waschbecken im Schulgebäude keine langen Schlangen entstehen, haben die Techniker der BBS II innerhalb einer Woche eine meterlange „Waschstraße“ konzipiert und an den Haupteingängen aufgebaut.
Bilder: Ortgies & Vogt

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